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RAUMPLANER UND IHRE EXPERTISEN - WER GLAUBT DARAN?

Do, 26. Mai 2011
Vermeintlicher Erfolg und seine historischen Parameter
Beitrag von Dr. Luzian Paula
1. SINE SOLE SILEO:

Die beste Expertise ist jene, die man für sich alleine macht. Man kann völlig unbeeinflusst der hehren Wissenschaft frönen und braucht sich nicht um die praktische Umsetzung, geschweige denn politische Akzeptanz kümmern. Dazu braucht man nur vermögende Eltern gehabt zu haben und kann herrvorragend als Privatgelehrter leben. Es widerspricht einem auch niemand. An manchen Hohen Schulen soll es vereinzelt solche Forscher geben, die in ihren Nischen unbehelligt hausen und statt der reichen Eltern uns Steuerzahler als Finanziers haben.

Wir gewöhnlichen Raumplaner brauchen hingegen die Sonne zum Leben.
Und wenn man Glück hat, geht sie einem schon am Beginn der Berufstätigkeit auf. Es müssen z.B. zusammentreffen:

- ein hoher Beamter
- ein aufstrebender Politiker
- eine von diesem gerade „umgedrehte“ Gemeinde.

Der Politiker braucht einen spektakulären Paukenschlag in der Ortsentwicklung - ein neues Gemeindezentrum muß her, der Beamte ist an einer Vertiefung der Kontakte interessiert, um eine Gesetzesänderung voranzutreiben, wozu er die Unterstützung des Politikers braucht - und ein Experte ist schnell gefunden, der in beider Auftrag ein Konzept entwickeln soll. Unter diesen günstigen Auspizien entsteht eine schlaue Planung, wird präsentiert und diskutiert - und dann schlußendlich schubladisiert.

Aber: es haben alle drei Beteiligten ihren Erfolg zu verbuchen gehabt und für den Planer war es der Beginn seiner Karriere. Die Sache selbst - die Expertise - war nur das Mittel zum Zweck für Alle.

Daß 25 Jahre später eine neue Studie über dasselbe Projekt mit anderen handelnden Personen sinngemäß dasselbe fachliche Ergebnis brachte und bereits umgesetzt wurde, spricht nicht für die Qualität der ersten Expertise, sondern nur für die Strahlkraft der späteren Sonne.


2. VERITAS FILIA TEMPORIS:


2.1.
Manche Experten, Gutachter oder sonstige Verständige sind überzeugt, daß sie die wahre Lösung für ein Problem haben und die einzig wahre Raumordnung vertreten. Sie lehnen es ab, Raumplanung als Bestandteil der jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten anzusehen und vertreten eine absolut richtige Fachmeinung. « Darüber darf man nicht die Mehrheit bestimmen lassen », lautet ihr Credo, « denn wir wissen es besser ». Diese Geisteshaltung kommt häufig auch auf unseren Hochschulen vor. Dagegen hilft, wie so oft, Karl Kraus, und weist den Weg zur planerischen Demut.

Ein Beispiel dazu gefällig? Bitte sehr - man nehme:

- ein großes Flußkraftwerk
- die öffentliche Meinung hiezu (natürlich dagegen)
- ein neues UVP-Gesetz ante portas
- Politiker auf Tauchstation
- Gutachter in ungewohnten Aufgaben und Rollen

In den damals erstellten Expertisen über den ökologischen Wahnsinn dieses allerletzten Kraftwerkes an der Donau fanden sich auch ein paar kleine positive Aspekte. Daraus sei ein kurzer Auszug zitiert:
… das Projekt ist deshalb umweltverträglich, weil durch die 6-wöchige Sperre der Praterbrücke die Autofahrer gezwungen werden, auf den öffentlichen Verkehr umzusteigen und damit eine Verhaltensänderung herbeigeführt werden kann …

Mehr als 20 Jahre später wird das Kraftwerk als ein Musterbeispiel ökologisch abgestimmter Planung gepriesen, weitere Kraftwerke werden im Sinne der Nachhaltigkeit der Stromerzeugung gefordert und gefördert, die Donaubrücke wurde während der Bauarbeiten nicht gesperrt und der modal split hat sich trotzdem weiter zugunsten des Öffentlichen Verkehrs verlagert. Allerdings nicht durch das Kraftwerk, sondern den forcierten U-Bahn-Ausbau.

Zwei Dezennien und eine Atomkatastrophe in Fukoshima haben genügt, um ehemals falsche in heute richtige Weltanschauungen, Expertisen und Planungen zu drehen.


2.2.
Aber auch der Gesetzgeber ist nicht vor sich ändernden Wahrheiten gefeit. Nehmen wir nur die lustige Geschichte von Ortsbildparagraphen einer Bauordnung in Österreich:

Gute 10 Jahre hindurch galt die gesetzliche Regelung, wonach in Gebieten ohne Bebauungsplan zur Beurteilung eines Bauwerkes und seiner … harmonischen Einfügung … ein umgebender Bezugsbereich desselben zur Beurteilung heranzuziehen wäre. So weit, so gut. 90 % der Bauvorhaben wurden eh ohne diese lästige Beurteilung abgeführt, für den Rest mussten teilweise aufwendige Expertisen erbracht werden (natürlich überwiegend dort, wo böse Nachbarn Einspruch erhoben). Dies traf vor allem die Wohnbauträger, deren Bauten sich üblicherweise von der umgebenden dörflichen Bebauung deutlich unterschied. Die Kosten für diese Gutachten fielen vor allem den Politikern unangenehm auf, sind diese doch manchmal den Wohnbauträgern sehr verbunden, wie man hört.
So wurde es der Politik zu bunt und der Bezugsbereich wurde auf die Grundstücke im Umkreis von 100 m um das Bauwerk begrenzt. Leider vergaß man Ausnahmeregelungen für Industriegebiete, die üblicherweise keine angrenzende Bebauung haben. Eine neuerliche Gesetzesänderung war die Folge: jetzt gelten nur mehr jene Grundstücke als Bezugsbereich, die zur Gänze innerhalb einer Entfernung von 100 m liegen - als fast keine mehr.

So kam es, daß auf Grund geänderter Wahrheiten die Bauordnung innerhalb von wenigen Monaten zweimal geändert wurde. Und die Richtigkeit der Expertisen fällt je nach dem Einreichdatum des zu beurteilenden Bauvorhabens gänzlich unterschiedlich aus.

2.3.
Ein weiteres schönes Beispiel für mehrere unterschiedliche Wahrheiten, die noch dazu zeitgleich nebeneinander bestehen können, sind unsere geliebten Einkaufszentren. Wir sind zwar alle froh, daß die Hausfrau und Mutter nicht mehr täglich mit der Milchkanne zu der um’s Eck befindlichen Milchfrau pilgern muß, um die offene Milch nach Hause zu tragen. Zugleich sind wir aber pflichtschuldigst erbitterte Gegener der Konsumtempel auf der grünen Wiese, die die Ortskerne veröden. Und je nachdem, wo wir wohnen, gelten andere Wahrheiten zur Regelung bzw. Steuerung und/oder Verhinderung derselben.

Sind wir z.B. in Wien zu Hause, regelt der Bebauungsplan auf Grund einer Raumverträglichkeitserklärung Art und Größe eines EKZ. Im Burgenland gibt’s eine raumverträglichkeitsgeprüfte Einzelgenehmigung für Handeslbetriebe durch das Land im Betriebsgebiet, Einkaufszentren kennt das Gesetz nicht. In NÖ hatten wir jahrelang eine eigene Widmung B-EZ, die ersatzlos verschwunden ist. Jetzt darf man nur mehr in festzulegenden Zentrumszonen unbeschränkt die gewachsenen Strukturen zerstören. Salzburg hat ein eigenes Raumordnungsprogramm dazu und die Steiermark verfügt über schlaue Ausnahmemöglichkeiten. Und in jedem Land wird die jeweils eigene Regelung als die einzig wahre angesehen …


3. USUS TYRANNUS

… dient jedoch zugleich dem Selbstschutz des Menschen. Wir sollten uns daher hüten, eine Expertise zu verurteilen, wenn sie uns nicht in den Kram paßt, unserer vorgefertigten Meinung widerspricht oder aus sonstigen Gründen unbequem ist. Die Beurteilung gut, schlecht oder falsch ist leicht gefällt, wenn man über die Erzeugnisse anderer spricht. Und bei Anwendung eines Schwarz-Weiß-Rasters ist sie jedenfalls falsch.

Genauso schwer hat es aber auch der Expertisenersteller selber. Er sollte nie aus den Augen verlieren, daß es zu einer ganz bestimmten Fragestellung oder einem Problem nicht nur eine Vielzahl von Lösungen, sondern auch ebensoviele unterschiedliche Beurteilungen gibt. Aus eben diesen anderen möglichen Meinungen einen persönlichen Angriff auf die eigene Expertenpersönlichkeit abzuleiten, entspricht leider der dem Menschen innewohnenden Macht der Gewohnheit …


4. ERGREIF’ DIESEN TAG, NIMMER TRAUE DEM NÄCHSTEN

Horaz’ sei Dank wollen wir daher in Zukunft

1. unsere eigenen Expertisen grundsätzlich hoch schätzen,
2. sie aber trotzdem immer nur als relativ wahr ansehen,
3. fremde Gutachten nicht immer sofort verteufeln
4. und immer daran denken, daß deren aller Ablaufdatum mit dem auf ihre Kundmachung folgenden Tag beginnt.


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